Heavy Dreams


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Andreas Popper
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  Der Musenkuss

 

Der Musenkuss

 

Im Jahre 2002 begann bei mir ein neuer Lebensabschnitt: Frau, Arbeit, Wohnung - alles weg und wieder neu. Einem alten Jugendtraum aus den Berliner Tagen folgend, schaute ich mich in Kiel nach einer Fabriketage um und wurde fündig: 100 qm mit einem unglaublichen Licht! Vier riesige Fenster nach Norden und eine Dachluke fluteten die Haupthalle selbst an dem regnerischen Tag, als ich sie das erste Mal betrat, so hell und gleichmäßig, dass Etwas in mir sagte: Das ist es!

Nun bin ich seit 30 Jahren Schriftsteller, und sofort fragte ich mich: Wozu brauche ich denn dieses Licht? Jedenfalls nicht zwingend zum Schreiben. Aber wie sich bald erhellte, war mir mein Unbewusstes schon ein Schritt voraus.

Die nächste Frau in meinem Leben war und ist Malerin, und zwar eine von der besessenen Sorte. So wie ich besessen schreibe, egal, ob das mal jemand verlegen wird oder nicht - was zumindest für einen Teil der Produktion glücklicherweise der Fall ist. Wie es bei Lao Tse so schön heißt: Der Kluge wirkt durch das Wort, der Weise durch das Beispiel, und Beispiel für Kunstschaffen als zwingender Bestandteil des Lebens hatte ich fortan genug.

Irgendwo liegt bei mir auch noch ein Universitätsdiplom als Agrar-Ingenieur herum, und seit meinem sechzehnten Lebensjahr habe ich es immer wieder mit Motorrädern gehabt. Vor allem mit Gespannen, an denen mich vor allem die Technik fasziniert. Deshalb ist Metallbearbeitung zwar nie ein Zentrum in meinem Leben gewesen, hat es aber als Thema immer begleitet.

Ostern 2003 schlug dann die zweite Muse zu und bemächtigte sich meiner: Plötzlich und unerwartet kam mir die Idee, ich könnte auch Metallkunstwerke machen, ausgelöst unter anderem von einer Metallskulptur, die im Kieler Botanischen Garten steht. Sie ist mannshoch und aus zwei Zentimeter dickem Stahl, der mit dem Schneidbrenner zu einem bizarren Gitterwerk gebrannt worden ist und ein Blatt mit seinen Adern darstellt. Auf die Idee muss man erst mal kommen, aber handwerklich sah ich da keine größeren Schwierigkeiten, obwohl ich noch nie einen Schneidbrenner in der Hand gehabt habe. Und an Ideen mangelt es mir nie.

Nun wurde auch klar, wieso ich diese Fabriketage mieten musste, mit genau diesem Licht, dem Platz und auch der Möglichkeit des Starkstromanschlusses. Außerdem fiel mir kurz darauf eine kleine Geschichte in die Hände, die ich Jahre zuvor geschrieben hatte und wo schon der Stil beschrieben ist, in dem ich arbeiten will.

Damit begann eine fast anderthalbjährige Vorbeitungsphase, die mir viel Stehvermögen abverlangt hat. Vor allem die Frage des Schweißgerätes. Mein erster Versuch war autogen, wurde aber schleunigst wegen der Kosten und des Versagens bei den von mir angestrebten Materialstärken abgebrochen. Elektrodenschweißen kam nicht in Frage, weil ich da mal vor 30 Jahren in Berlin anlässlich eines Praktikums schlechte Erfahrungen gemacht hatte. In der Werkstatt der Oper Kiel probierte ich dann ein Schutzgas-Schweißgerät aus und wusste: Das ist es!

Aber damit hatte ich noch keins. Mein erster Versuch bei einem Schweißfachhändler in Kiel scheiterte, weil er sein einziges Gebrauchtgerät zwar mir versprochen, dann aber ausgeliehen hatte und mich Woche um Woche vertröstete, bis zwei Monate vergangen waren. Das hab ich dann nicht mehr eingesehen.

Mein nächster Versuch war ebay, und das klappte dann auch. Ich ersteigerte ein großes älteres Gerät mit Standort Papenburg. Eine dort ansässige Spedition wurde von mir beauftragt, holte es vom Verkäufer ab und stellte es dann in Erwartung einer Fuhre nach Kiel ins Lager. Das war im September 2003.

Januar 2004 rief ich zum x-ten Male dort an und fragte, ob sie ein Problem damit hätten, wenn eine andere Spedition käme und das Teil von ihrem Hof holt. Zwei Tage später hatte ich es, allerdings mit einem Transportschaden. Irgendwann gegen Ostern war auch der repariert, und es konnte endlich los gehen! Drei Tage tat es, dann gab es seinen Geist wieder auf.

Während ich auf die Reparatur wartete, freundete ich mich schon mal mit dem Schneidbrenner an. Mein erster Versuch bescherte mir noch einen halben Herzinfarkt, und ich brauchte eine halbe Stunde, um mich von einem Schnitt von drei Zentimeter Länge durch fingerdicken Stahl zu erholen. Aber allmählich wurde es besser.

Gegen Ende des Sommers sagte ein Freund und Mitglied unserer Künstlervereinigung k34, ich soll doch endlich mit diesem Schutzgasgeraffel aufhören und es mit Elekrode versuchen. Er würde es mir auch zeigen. Ich war schon so verzweifelt und gleichzeitig so begierig darauf, anzufangen, dass ich auf diesen Vorschlag einging.

Gesagt, getan. Ohne Schweißschutzkleidung und barfuß in Sandalen ging es sofort los. Wir benutzten ein Gerät unserer Werkstatt, und meine ersten Versuche waren so kläglich, wie ich sie in Erinnerung hatte. Aber anders als damals in Berlin hatte ich jetzt Zeit, Gelegenheit und vor allem Motivation. Ich nahm das Gerät mit und ließ nicht mehr locker.

Das entscheidende Aha-Erlebnis war, dass ich mit der Elektrode ruhig den Stahl berühren konnte, wenn der Lichtbogen erstmal lief. Sie blieb dann nicht mehr kleben. Und fortan schweißte und schweißte ich, und wenn die Nähte vielleicht auch noch nicht allen Ansprüchen genügen, so gilt es doch, die kurze Lernzeit zu bedenken.

Was dabei heraus kommt, seht ihr in meiner Galerie.

 
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